Als Jo Prusa im März 2023 seinen Artikel „The State of Open-Source in 3D Printing in 2023“ veröffentlicht hat, machte er auf eine Entwicklung aufmerksam, die seit Jahren im Raum steht: Einige wenige Unternehmen – allen voran Prusa Research – investieren viel in Forschung und Entwicklung, treiben den FDM-Druck vor allem für Privatanwender spürbar voran und gleichzeitig gibt es Hersteller, die auf diesen Ergebnissen aufbauen oder sie nahezu 1:1 kopieren.
Dieser Punkt ist an sich nicht neu und fiel in einer Zeit, in der Bambu Lab gerade stark in den Markt gedrängt ist. Der erhobene Zeigefinger war seitens der Community gegen Bambu Lab gerichtet – obwohl uns Bambu Lab eigentlich ein gutes Stück weiter gebracht hat (CoreXY für die Massen) – aber eigentlich hätte man ihn deutlicher gegen Anbieter wie Creality, Anycubic oder Sovol richten müssen und natürlich im speziellen gegen Kit-Anbieter wie Fysetc, die zum Beispiel einen kompletten 1:1-Klon des Prusa MK3 oder Prusa Mini verkaufen. Rein lizenzrechtlich ist das nicht verwerflich – es ist sogar völlig legal.
Moralisch ist das aber nicht in Ordnung. Für ein europäisches Unternehmen wie Prusa Research, das Entwicklung und Arbeitsplätze in der EU hält, ist es natürlich schwer zu schlucken, wenn man viel investiert, nur damit andere mit einem günstigen China-Klon zum Viertel des Preises Marktanteile abgreifen und null Innovation bringen.
Ein allgegenwärtiges Problem: Die Fanboys
Was hier stört und von diesem Thema ablenkt, ist die unreflektierte Fanboy-Haltung, die in Diskussionen regelmäßig eskaliert. Jo Prusa und Prusa Research werden seit Jahren – trotz des genannten Artikels – dafür gefeiert, dass angeblich alles offen, transparent und vollständig Open Source ist. Diese Behauptung hält einer genaueren Betrachtung aber nicht stand. Und leider tragen Prusas eigene Aussagen teilweise zur Verwirrung bei.
Jo Prusa schrieb damals:
“Before I start, I want to make a few things clear to avoid any misunderstandings: […] Our desktop 3D printers will always be open source. We intend to continue publishing plastic parts, along with firmware source codes.”
Auf Deutsch:
“Bevor ich beginne, möchte ich ein paar Dinge klarstellen, um Missverständnisse zu vermeiden: […] Unsere Desktop-3D-Drucker werden immer Open Source sein. Wir beabsichtigen, auch weiterhin Kunststoffteile sowie die Quellcodes der Firmware zu veröffentlichen.”
Viele hören an dieser Stelle auf zu lesen – und ignorieren alles, was danach kommt. Das Ergebnis: Eine Community, in der berechtigte Kritik oft sofort als Angriff gewertet wird und Diskussionen mit Prusa-Fanboys (die im übrigen nicht besser sind als Bambu-Lab-Fanboys oder generell Marken-Apostel) kaum noch sachlich möglich sind.
Die Realität ist komplexer
Man sollte einfach ehrlich sein: Prusa ist nicht vollständig Open Source. Punkt.
Viele Komponenten sind proprietär. Einige Bauteile existieren nur als Triangle Meshes (STL) statt als anständige BRep-Modelle wie STEP. Das erschwert Remixes massiv – für Leute mit entsprechendem Skillset ist das zwar kein Problem, aber es ist einfach unnötig. Andere Teile sind komplett geschlossen oder nur als Fertigteil über Prusa erhältlich.
Nicht falsch verstehen, das ist nicht automatisch etwas Schlimmes. Jede Firma trifft Entscheidungen zwischen Offenheit und wirtschaftlicher Sicherheit. Aber es widerspricht klar dem Image, das manche Fans verteidigen und auch dem Ethos, den Jo Prusa vorgibt zu vertreten – und ja, eine Spitzfindigkeit ist, dass er ausschließlich von Kunststoffteilen spricht – aber nichtmal das ist korrekt.
Was „Open Source“ eigentlich bedeutet
Open Source bedeutet lediglich, dass die Quelldaten offen sind – nicht mehr und nicht weniger. Es bedeutet nicht automatisch, dass die Nutzung kostenlos ist oder dass eine kommerzielle Nutzung erlaubt ist. Leider wird – wie auch bei „Free and Open Source Software“ (FOSS) – das Thema „Freiheit“ häufig mit der reinen Quelloffenheit verwechselt oder vermischt. Dazu kommt, dass es viele unterschiedliche Definitionen des Begriffs und viele unterschiedliche Lizenzmodelle gibt.
Kurz: Open Source bedeutet im weiteren Sinn erstmal nur, dass die Quelldaten offen verfügbar sind – wie und von wem diese genutzt oder verbreitet werden dürfen, hängt von der genauen Lizenzform ab. Der Prusa i3 und der Prusa Mini wurden z.B. unter der GPLv3 – quasi dem „Freifahrtschein“ der Open-Source-Lizenzen – veröffentlicht. Andere Lizenzformen schränken z.B. die kommerzielle Nutzung oder Weiterverbreitung ein.
Apropos GPL: Ein aktuelles Beispiel dafür, wie problematisch mangelnde Transparenz sein kann, liefert Elegoo mit dem Centauri Carbon. Öffentlich behauptete Elegoo, das Gerät verwende kein Klipper (eine unter der GPL-Lizenzierten Open-Source-Firmware für 3D-Drucker). Das Community-Projekt OpenCentauri hat jedoch zweifelsfrei nachgewiesen, dass Klipper sehr wohl verwendet wird – inklusive herstellerspezifischer Anpassungen, die Elegoo jedoch nicht veröffentlicht hat. Damit verstößt Elegoo klar gegen die Klipper-Lizenz, die ausdrücklich erlaubt, Klipper kommerziell zu nutzen, solange sämtliche Änderungen am Quellcode offengelegt werden. Ein Paradebeispiel dafür, wie selbst etablierte Hersteller Open-Source-Regeln ignorieren und damit nicht nur der Community schaden, sondern auch dem Vertrauen in die gesamte Branche.
Zurück zu Prusa: proprietäre Teile können völlig legitim in Open-Source-Projekten vorkommen, solange die Lizenzlage das zulässt. Und bei Prusa gibt es viele solcher proprietären Elemente:
- Das Exoskelett des Core ONE basiert auf speziellen Blechteilen, die nur über Prusa erhältlich sind.
- Die Bodenplatte, die Kunststoffverkleidungen, die Türen und Abdeckungen: viele davon ohne CAD-Quelle.
- Der Nextruder – also die Basis des Extruders/Toolheads von MK4, XL und Core ONE – ist in weiten Teilen proprietär.
- Teile der Elektronik (ausgenommen die Schaltdiagramme selbst) sind ausschließlich über Prusa verfügbar.
Kurz gesagt: Ohne die Mithilfe von Prusa sind deren Geräte keine freien Open-Source-Produkte, ohne die Mithilfe von Prusa läuft hier wenig. Prusa selbst verheimlicht das nicht – der Status ist öffentlich dokumentiert.
Ärgerlich ist jedoch, dass Fertigungsdaten für zentrale Bauteile nicht bereitgestellt werden, obwohl bestimmte Teile leicht selbst herstellbar wären – etwa Plexiglas-Elemente oder prinzipiell druckbare CoreXY-Komponenten des Core ONE.
Nichts würde dagegen sprechen, diese Daten zumindest für nicht-kommerzielle Nutzung bereitzustellen. Das wäre ein echter Mehrwert für Bastler und Maker, ohne den eigenen Markt zu gefährden. Auch jetzt hält die Community nichts ab, die Teile selbst zu designen und auf unterschiedlichen Plattformen wie z.B. Printables zum Download anzubieten: Was bringt es Prusa – bis auf eine genervte Community – einen solchen Weg zu gehen?
Warum mir das wichtig ist
Zum einen, weil Diskussionen mit extremen Fanboy-Lagern anstrengend sind. Zum anderen arbeite ich gerade an einem eigenen Projekt: einem „Core ONE Mini“, also einer verkleinerten DIY-Version des Prusa Core ONE, den es derzeit (vml. aus wirtschaftlichen Gründen) von Prusa nicht als Produkt gibt. Nachdem das Projekt vergleichsweise kostspielig ist, habe ich eine GoFundMe-Kampagne gestartet – sofern Prusa grünes Licht gibt, würde ich die CAD-Daten nach Abschluss des Projekts veröffentlichen (für nicht-kommerzielle Nutzung).
Wenn man also ein solches Gerät abseits kommerzieller Wege baut, bleibt einem nichts anderes übrig, als alle proprietären Teile ohne CAD-Vorlage selbst nachzuzeichnen. Ich habe inzwischen fast 40 Bauteile komplett neu in CAD modelliert – nicht, weil ich es spannend finde, sondern weil es keine offiziellen Quellen gibt. Mit Schieblehre und Zeit ist das machbar, aber es ist unnötig – und es würde auch keinen kommerziellen Mitbewerber abhalten, einen Core ONE zu kaufen und Reverse Engineering zu betreiben.
Gerade in einer Branche, die sich Nachhaltigkeit und Reparierbarkeit auf die Fahnen schreibt, wäre es naheliegend, Ersatzteil-CADs für private Nutzung offen bereitzustellen. Dass Prusa das nicht durchgehend tut, ist für mich unerklärlich.
Das wäre im Übrigen auch für Hersteller abseits der 3D-Druck-Bubble wichtig – viele Produkte würden sich einfach reparieren lassen, hätte man zumindest Konstruktionsdaten bzw. CAD-Modelle für gängige Ersatzteile – aber das Thema würde zu weit führen, der Vollständigkeit halber ist hier Right to Repair Europe zu nennen, die hier bereits viel leisten.
Fazit: Weniger Dogmatismus, mehr Ehrlichkeit
Wer 3D-Druck wirklich liebt – oder ihn zumindest nüchtern betrachtet als gutes, modernes Werkzeug sieht – sollte die Graubereiche anerkennen. Weder ist Prusa der uneingeschränkte Held der Open-Source-Bewegung, noch ist Bambu Lab der ultimative Bösewicht.
Aber etwas passt nicht bei Prusa: Man predigt Open Source, hält aber viele Schlüsselkomponenten (auch für Privatanwender) geschlossen. Man wünscht sich neue, bessere Lizenzen – aber tut seit 2 ½ Jahren nichts dagegen und nutzt nicht einmal die vorhandenen Möglichkeiten, Quelldaten wenigstens nicht-kommerziell zu teilen.
Ein bisschen mehr Transparenz, ein bisschen weniger Heldenverehrung und ein fairer Umgang mit Kritik würden der Community guttun. Denn Open Source lebt nicht von Marketing oder Fanboy-Schlachten, sondern von Offenheit, Zusammenarbeit und Ehrlichkeit. Ich weiß, der Geldbeutel erlaubt das nicht immer: aber fördert Lösungen, die uns gemeinsam weiterbringen und nicht Lösungen, die den Markt mit billigen Klonen überfluten – Innovation muss belohnt werden.