FIFA 12 – Es ist verdammt hart, ein Neuling zu sein

Vor den Spielen kann man zum Aufwärmen Schussübungen machen

In den 90er-Jahren habe ich alle FIFA-Teile von EA Sports gespielt. Eines nach dem anderen, mindestens bei Freunden auch die Halbjahresausgaben zu Europa- und Weltmeisterschaften. Irgendwann, ich glaube nach der 2002er-Ausgabe, hat sich das allerdings geändert. International Superstar Soccer und natürlich vor allem Pro Evolution Soccer (hier gehts zum Review von PES 2012) überzeugten mit mehr Realismus den Fußball-Geek in mir. In den letzten Jahren hat EA anderen Berichten zufolge auf diese Schwäche reagiert und immer mehr auf die Wirklichkeitstreue ihres Spiels geachtet – nicht nur in eh immer toller grafischer Hinsicht, sondern eben auch bei der Wahrheit, die auf dem Platz liegt. Mit FIFA 12 bekommt die Serie nun wieder eine Chance.

EA Sports hat in der aktuellen Ausgabe vor allem dem Defensivverhalten einen radikalen Umbau verpasst, der dem Spiel eine völlig neue Veranlagung gibt. Hat man in bisherigen Fußballspielen – egal welcher Serie – mit sturem Knopferlhalten schon für schwere Probleme beim Angreifer gesorgt, sind hier Timing und Koordination gefragt. Es gilt nicht mehr nur, den Ball zu erwischen, sondern man muss um das zu tun auch geschickt den Raum decken und damit Pässe verhindern. Wer zu schnell aus der Formation gerissen wird, macht Räume auf, die der Gegner einnimmt und eiskalt ausnutzt. Die KI zeigt ihrerseits in der Defensive eine enorme Disziplin, sodass sich auch die Dynamik im Angriff gegenüber früherer virtueller Kicks ändert. Viel langsamer und bedachter muss man vorgehen, Schwächen der gegnerischen Strategie abtesten und ausnützen, sonst endet man unbefriedigt in ihren Sackgassen.

Der Fluch des Gelernten

Spieler zeigen an, in welchen Raum sie den Pass haben wollen

Es lässt sich schwer verheimlichen, dass man sich damit viele, viele Spiele lang wie ein verdammter Anfänger ankommt. Frust ist ein ständiger Begleiter. Nicht, weil man nicht versteht, was am Feld passiert. Das Spiel folgt wirklich gut den Gesetzen des Fußballs, wie wir sie etwa in unserem Geschwisterblog Ballverliebt immer wieder sezieren. Aber was in der echten Welt am Feld rational und intuitiv richtig und erlernbar ist, ist am Computer ein anderes Spiel.

Wir alle haben die Vorgehensweise bisheriger Games sehr stark verinnerlicht, die sich eben über genau diese Gesetze hinwegsetzen, weil sie die packende Mühsamkeit des echten Fußballspiels rausreduziert haben. Wir versuchen mit dem Gamepad wie immer das schnelle, einfache Ballerobern und dann kinderleichte Vorstößen über bestimmte Räume am Feld, das eh immer funktioniert. Im Zweifelsfall aus der Distanz draufzuhalten. Aber auch das ist schwieriger, weil EA Sports auch das Schießen etwas optionenreicher aber damit auch schwieriger gestaltet hat.

Schuld und Triumph

Immer wieder scheitert man, weil man in genau diese Muster zurückfällt. Wie ein Schifahrer, der mit seinen Carving-Ski immer noch denselben Schwung zu machen versucht, wie einst mit den Zwei-Meter-Latten. Wer wie ich seit über 15 Jahren am Computer kickt und plötzlich selbst auf der mittleren Schwierigkeitsstufe von schwächeren Teams gedemütigt wird, wirft bald das Gamepad in die Ecke und lässt es fürs Erste sein. Die Schande ertragen, einen noch leichteren Schwierigkeitsgrad wählen zu müssen? Nicht mit mir! Doch FIFA 12 gelingt das seltsame Kunststück, dass man weniger dem Spiel, sondern sich selbst für die Dresche von einem Abstiegskandidaten verantwortlich macht. Man weiß, dass der blöde Pass, die schlechte Strategie oder das unbedachte Attackieren Schuld am Desaster hatte, selten der Aussetzer der KI oder gar die Unmöglichkeit des Spiels.

Das kitzelt am spielerischen Ehrgeiz. Und so greift man ein paar Stunden später wieder zum Controller, versucht es besser zu machen und macht es dann langsam auch besser. Man entwöhnt sich von dem, was man über die Jahre automatisiert hat, entdeckt die Bedeutung der Raumdeckungstaste.

Remineszenzen

Fleiß und Übung bringt euch in gute Schusspositionen

Der Schritt zu FIFA 12 ist ein wenig wie vor etwa 10 Jahren der zu Pro Evolution Soccer. Plötzlich funktioniert alles ein bisschen anders und manches gar nicht mehr. Damals konnte man plötzlich nicht mehr beliebig in die Gegner reinrutschen, weil das zu mehr Roten Karten und wenigen Balleroberungen führte. So musste man öfter auf den Beinen bleiben und so Zweikämpfe gewinnen. Dafür fühlte sich das Spiel mit dem Ball viel mehr so an, als würde man es viel stärker kontrollieren können.

FIFA 12 gelingt genau das erneut. Es ist – vorerst – nicht mehr das sorglose Easy-Cheesy-Spektakel, das jeden zweiten Angriff so brillant und perfekt aussehen lässt, wie es in Wirklichkeit in den guten Momenten das Wunderteam des FC Barcelona vorexerziert. In seinem Rohzustand ist es ein Spiel für Leute die den Sport verstehen, beherrschen und sich verbessern wollen. Und es ist ein Spiel, das ihnen das auch erlaubt.

Wer all das nicht will, schaltet einfach das taktische Verteidigungsfeature ab und manche oder alle der zahllosen Hilfsmittel ein, die das Spiel auch bietet. Es ist dann nicht mehr dieser revolutionäre Schritt in eine neue Ära, sondern sehr schnell wieder das, was wohl nahezu jedes Fußballspiel des letzten Jahrzehnts war: Ein umfassendes Update für das Game aus dem Vorjahr. Mit besser Grafik, einigen kleineren Veränderungen, den neuesten Teams, Stadien und Spielern, besserer Physik und so weiter und so fort. Auch als solches funktioniert FIFA 12 gut. Und natürlich hat es wieder unendlich viele Multiplayerfeatures und Spielmodi, die ich allesamt nie wirklich spielen werde. Die zähle ich hier nicht alle auf.

Aber ganz ehrlich: Auch wenn man sich für FIFA 13 wünscht, dass all das Neue vielleicht doch ein wenig leichter von der Hand geht, interessanter ist schon das Gefühl, wieder einmal ein kompletter Neuling zu sein. Es ist ein Indiz dafür, dass endlich wirklich was weiter geht im Computerfußball. Ja, stimmt schon. Ich habe es bisher noch nicht geschafft, mir einen Titel mit meinem Liverpool zu erspielen. Aber ich bin sicher: Wenn es soweit ist, wird es so befriedigend wie nie zuvor am Rechner sein, weil ich meine spielerischen Unzulänglichkeiten ausgebessert habe.

Gewinnspiel

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