Amazon Kindle – das Bücherregal in der Hand

Seit wann gibt es Bücher? Liest man sich den Wikipedia Artikel über Buchdruck durch, ist von mehreren hundert Jahren die Rede. Man kann also durchaus von einem erfolgreichen Produkt sprechen. Da wundert es dann auch nicht, wenn es einem schwer fällt, das ganze durch eine neue, oder zumindest nicht weit verbreitete, Technik zu ersetzen. Eben dazu gehören E-Books und deren Lesegeräte. Wenn auch nicht brandneu, so sieht man sie, zumindest in unseren Breitengraden, nur sehr sporadisch.

Ich selbst durfte bisher mit keinem dieser Geräte innigeren Kontakt pflegen. Nach dem „Genuss“ eines E-Books auf meinem Laptop und dem Smarty kam ich allerdings zu dem Schluss: Papier bleibt Papier … sorry, der musste sein. Trotzdem wollte ich das Experiment noch nicht als gescheitert abhaken. Gut, dass Amazon den hauseigenen E-Reader nun endlich auch im deutschsprachigen Raum anbietet und mir auf Anfrage auch promt eine Testgerät zukommen ließ.

Da das Thema E-Books  gewissen persönlichen Vorlieben und Vorurteilen nicht entbehrt, bleibe ich vorerst bei den Fakten.

Die Technik und die Fakten

Der Kindle ist mit seinen 250 Gramm erstaunlich leicht und auch die Abmessungen (190 mm x 123 mm x 8,5 mm) sind sehr angenehm – nicht größer, aber leichter als ein Taschenbuch. Auch an der Verarbeitung gibt es nichts zu bemängeln. Zwar wird einem kein Unibody-Gehäuse geboten, doch von Wackeln oder quietschenden Teilen keine Spur. Der graue Kunststoff wirkt hochwertig und die gummierte/texturierte Rückseite fühlt sich sehr gut an. Durch die matte Struktur und das „fehlen“ eines Touchscreens, stellen Fingertapper und Schlieren kein Problem dar.

Amazon setzt, im Gegenteil zu den meisten Konkurrenten, nicht auf die berührungsempfindlichen Bildschirme, sondern rein auf Tasten. Während die Tastatur meist ein nicht beachtetes Dasein im unteren Teil fristet, sind die Tasten zum Blättern geschickt am Rand des Gerätes positioniert – beidseitig wohlgemerkt. An der Unterseite sind dann noch ein (bisher unbenutztes) Microfon, ein (bisher kaum benutzter) Kopfhöreranschluss, der USB-Port und der Ein/Aus Schalter verbaut.

Amazon bietet den Kindle der 3. Generation in zwei unterschiedlichen Varianten an – einmal mit Wi-Fi für € 139,– und einmal zusätzlich mit 3G Modul für € 189,–. Erscheint der Preis für letztere im ersten Moment hoch, so relativiert sich der Preis jedoch, sobald man das Angebot erst genauer betrachtet. Denn Amazon „versteckt“ in der Gerätebezeichnung „free 3G“ einen tatsächlich kostenlosen 3G Zugang. Soll heißen: es wird keine zusätzliche Sim-Karte oder ein Datentarif benötigt um mit dem Gerät unterwegs im Shop zu stöbern oder Daten zu übertragen. Womit sich auch die späte Einführung in den europäischen Markt für mich erklärt, denn es war sicher nicht einfach in so vielen Ländern Verträge mit den Anbietern auszuhandeln.

Zuletzt das Prunkstück des Kindle, der Bildschirm. Dabei handelt es sich nämlich nicht um einen herkömmlichen LC-Schirm wie z.B. Laptops oder Handys, sondern um elektronisches Papier. Entsprechend zur geringen Größe des Geräts an sich, misst der Bildschirm 15cm (6 Zoll) – nicht gerade kinotauglich aber durch die Eigenschaften des E-Papers ja auch nicht dafür gemacht. Auf jeden Fall aber groß genug für das Lesen von Buchtexten.

Die Nicht-Fakten

Soviel zu den Fakten, jetzt zu den Vorurteilen. Denn die 14 Tage mit dem Kindle haben mir vor Augen geführt, dass der größte Teil meiner Skepsis gegenüber E-Books auf nichts anderem als, falschen, Annahmen beruhte.

Zum einen das leidige Thema Akku. Jeder halbwegs technikaffine Konsument hat mehr als ein paar Ladegeräte zuhause und an denen hängen Tag ein Tag aus die stromfressenden Gadgets. Den Kindle wird man aber relativ selten an der Steckdose nuckeln sehen, denn die versprochenen 30 Tage Akkuleistung sind nicht nur ein Werbeslogan! Der Grund ist die Funktionsweise des E-Papers. Diese benötigen lediglich bei einer Änderung der Anzeige Strom. Bedeutet im Normalgebrauch: bei jedem umblättern wird der Akku genötigt und darf dann wieder rasten. Nur bei extensivem Gebrauch der Funkschnittstellen, also beim Shoppen im Amazon Shop, sieht man den Akkustand sinken. Doch das lässt sich mit zwei kurzen Drückern auf den Menüknopf und daraus resultierendes de-/reaktivieren des Funks beseitigen.

Und auch die restlichen Vorurteile wurden dank dem E-Paper entkräftet. Vor allem die Lesbarkeit bzw. die Anstrengung für die Augen ist bei digitalen Nomaden auch immer ein Problem. Im Vergleich zu LCD hat der Bildschirm vom Kindle aber keinerlei Probleme mit Sonneneinstrahlung, Sichtwinkel oder Reflektionen. Im Gegenteil, muss man das E-Paper eher mit seinem analogen Namensgeber vergleichen, denn je besser die Beleuchtung, um so besser die Lesbarkeit. Der Vergleich gilt auch für die Anstrengung der Augen. Durch die extrem scharfe und detaillierte Darstellung des Bildschirms und das Fehlen jeglicher Reflexionen ist entspanntes Lesen möglich. Ein Problem beim Bildschirmlesen ist oft auch ein „stierender Blick“ und daraus resultierendes Austrocknen der Augen. Doch durch einen Nebeneffekt des E-Papers bleibt man auch davon verschont. Denn technisch bedingt „flackert“ das E-Paper bei jeder Änderung der Anzeige kurz auf – und automatisch blinzelt man gleich mit. Aber selbst ohne diesen Nebeneffekt hatte ich nie höhere Ermüdungserscheinungen als mit Büchern.

Ebenfalls Augen schonend ist das Fehlen einer Hintergrundbeleuchtung. Interessanterweise war das für mich kein Problem, jedoch aus der Sichtweise meiner Frau. Während sie der Meinung war, es wäre doch praktisch auch ohne Umgebungslicht zu lesen, vergleiche ich eher die Umstände. Einerseits ist die Bauweise dadurch flacher, es ist wie erwähnt Augen schonender und auch bei einem Buch bräuchte ich eine Lampe. Zudem gibt es etliche Hüllen oder Anstecker mit kleinen Leselampen, die das Manko gegen Einwurf eines geringen Entgeldes wettmachen.

Das größte Ärgernis meiner bisherigen Kontakte mit E-Paper Readern war aber das, oben bereits positiv, erwähnte Flimmern. Zwar dauert selbst bei langsamen Geräten das Umschalten nur Millisekunden, so war es mir einfach zu träge. Es störte schlichtweg den Lesefluss. Das ist, zugegeben, natürlich hochgradig subjektiv, nichts desto trotz aber ein schlagender Punkt. Doch Amazon hat dieses Manko durch Einsatz der neuesten Generation von E-Paper ausgemerzt. Zwar ist das Flimmern immer noch sicht- und spürbar, doch dauert es eben den Bruchteil kürzer als bei der Konkurrenz und unterbricht den Lesefluss keinesfalls.

Der Amazon Faktor

Technisch gesehen, macht Amazon mit dem Kindle also fast alles richtig. Um ehrlich zu sein, habe ich während der ganzen Zeit nicht einmal das Aufblitzen eines Ärgernisses gehabt. Zudem findet man selbst so kurz nach Einführung im deutschsprachigen Raum bereits an die 35000 E-Books bei Amazon. Viele der Neuerscheinungen bieten vom Start weg E-Books an. Leider fällt das Angebot an Zeitungen und Magazinen da jedoch wesentlich dürftiger aus. Wer der englischen Sprache mächtig ist, ist klar im Vorteil. Schade, denn die Tageszeitung am Kindle hätte etwas sehr reizvolles für mich. Nur Comicfans werden nicht glücklich werden. Zum einen durch das monochrome Display, zum anderen, da die Bilder nicht skaliert werden und somit eher wie eine Briefmarke auf einem Paket wirken. Das Stöbern im Angebot ist Amazon-typisch einfach und auch Schmökern in den Büchern ist kein Problem. Das gilt übrigens auch für die Handhabung am Kindle selbst.

Aber leider ist nicht alles eitel Wonne. Der für mich einzige negative Punkt am Kindle ist das proprietäre Format der bei Amazon erstandenen E-Books. Außer dem Kindle ist mir kein anderes, kompatibles Gerät bekannt. Umgekehrt kann der Kindle aber eben auch nicht mit dem ansonsten verwendeten ePub-Format umgehen. Genauer gesagt kann es mit dem dabei meist verwendeten Adobe DRM nichts anfangen. Geschäftstechnisch verstehe ich Amazon durchaus, so ist man mit seiner digitalen Bibliothek an den Kindle gebunden. Kundenseitig ist das aber schlichtweg ein „Killerargument“. Denn nicht nur ein Großteil der anderen E-Book Anbieter setzen auf das freie ePub-Format und die Adobe DRM, sondern vermehrt auch öffentliche Stellen wie zum Beispiel Bibliotheken. Diese bieten oft Verleihlizenzen an, welche nach einem bestimmten Zeitraum verfallen.

Fazit

Was bleibt ist reine Subjektivität. In der kurzen Zeit in der ich den Kindle testen durfte, habe ich das Gerät einigen Kollegen und Freunden gezeigt. Ja sogar im Bus oder Zug auf dem Weg in die Arbeit haben mich Leute auf das Gerät angesprochen – bei der Gelegenheit hab ich gleich ordentlich Werbung für Rebell gemacht. Die Aussagen und Meinungen waren immer dieselben: tolles Gerät, lesen geht super … aber es ist halt kein Buch. Die Haptik ist einfach eine andere.

Den einen gefällt das geringe Gewicht bzw. der Schwerpunkt nicht. Den anderen fehlt das Umblättern oder die Textur von Papier. Viele wollen nicht in Menüs klicken müssen oder die Tastatur stört sie. Die wenigsten stören sich am DRM bzw. verschwenden zu Beginn keinen Gedanken daran. Selbst wenn man alle Vorurteile und Annahmen ausschließt, das Gefühl lässt sich eben nicht einfach ignorieren.

Ich für meinen Teil trenne mich nur ungern wieder vom Kindle. Hat man sich erst an das neue Gefühl und die bequeme Art des „Buchkaufs“ gewöhnt, vergisst man leicht, dass man ein Stück Technik in Händen hält. Außerdem liegt es meinem Leseverhalten nahe. Ich lese durchschnittlich zwei Bücher im Monat, die meisten werden dabei jedoch nie wieder gelesen.

Aber, zugegeben, das Gerät ist nicht für jeden geeignet. Es gibt einige Argumente gegen E-Books, E-Reader oder den Kindle … und genau so viele für den Umstieg. Ich kann nur jedem empfehlen, sich den Kindle mal genauer anzusehen um sich selbst ein Bild zu machen. Wer viele Bücher liest und diese, wie meine Frau und ich, zum Großteil bei Amazon bestellt, bekommt mit dem Kindle um 139 Euro einen herausragenden E-Reader geliefert.

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