The Last of Us Remastered im Test: Ein Hit wird noch schöner

The Last of Us Remastered ist die aufgehübschte und -gebohrte Neuauflage des gefeierten Hits von Naughty Dog (Uncharted) aus dem vergangenen Jahr. Wir ergreifen die Gelegenheit um den Test des Spiels nachzuholen.

Zombies also mal wieder. Die Menschheit, ein Virus, eine Katastrophe, das Leben damit und danach. The Last of Us hat sich da ja mal etwas ganz neues einfallen lassen! In Person des vom Leben in der Katastrophe gezeichneten Joel schlägt man sich als Krimineller durch, der den Auftrag bekommt, ein Paket zu schmuggeln. Das Paket: Die 14-jährige Ellie, die offensichtlich der erste Mensch ist, der irgendwie immun gegen das Zombiewerden ist. Man sollte meinen, dass das ein ziemlich guter Passierschein wäre: “Hey, knallt uns nicht ab, die junge Dame könnte uns alle retten!”. Aber nein! Nicht in einer Welt voller paranoider Überlebenskämpfer. Da ist die Erlöserin in ständiger Gefahr, von allen möglichen Seiten abgemurkst zu werden.

Ellie!

Das ist eine dieser Annahmen, die man im Rahmen einer Geschichte wohl einfach akzeptieren muss. Die Leute sind grundschlecht, wenns hart auf hart kommt – oder wenn sie dir schon nicht absichtlich schaden, sind sie zumindest beschissen egoistisch. Vielleicht stimmt das ja und The Last of Us zeigt immerhin beeindruckend, welch barbarischen Niedergang die Menschheit erleidet, wenn sie der humanistischen Vernunft eine klare Absage erteilt. Niemand gewinnt in dieser deprimierenden, nicht lebenswerten Welt. Alles wird zu Scheisse.

Vielleicht ist gerade wegen dieser Rahmenbedingungen Ellie so ein großartiger Charakter. Die junge Dame ist das Interessanteste am ganzen Spiel, da kommt selbst die Hauptfigur Joel über weite Strecken nicht mit. Sie wurde in diese schreckliche Welt bereits geboren und wirkt in diesem Rahmen so, wie man sich eine 14-jährige unter diesen Rahmenbedingungen glaubwürdig vorstellen könnte: Abgehärtet, aber noch mit Hoffnung und Mitgefühl. Dinge, die Joel scheinbar längst aufgegeben hat. Wie Ellie zum Beispiel reagiert, wenn sie etwas Schreckliches gesehen hat, ist großartig. Sie ist nicht nur kurz entsetzt, sondern verhält sich in der Folge merkbar anders. Ihre sonst auch mal neugierigen und vorlauten Interaktionen mit Joel, der Welt und ihre Unterstützung in den Kämpfen sind der ganz große Hook des Spiels.

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Ellie ist eine gute Mischung aus einer jüngeren aber vielschichtigeren Elizabeth (Bioshock Infinite), einer etwas älteren und daher selbstständigeren Clementine (The Walking Dead) und einer hitzköpfigeren und frecheren Alyx (Half-Life 2). Man könnte jetzt sagen: Das sind schon auffällig oft Mädchen oder junge Frauen, diese interessanten Sidekicks, hm? Und darum sage ich: Das sind zwar auffällig oft junge Frauen und Mädchen, diese interessanten Sidekicks, hm? Beachtlich trotzdem, wie unterschiedlich sie sind und auch wie verschieden ihr Verhältnis zu den (jeweils männlichen) Protagonisten ist.

Aus Joels in den ersten Spielminuten klar aber lieblos abgehandelter Vorgeschichte heraus weiß man sofort, dass er für Ellie irgendwann vergrabene, väterliche Gefühle entwickeln wird. Ihr grundsätzlicher Charakter ist aber nicht wirklich schutzbedürftig. Klar: Als halbes Kind hätte sie es schwer, selbst zum Ziel zu gelangen. Aber selbst der hartgesottene, erfahrene Joel hätte alleine keine Chance. Und wäre da nicht diese mörderische Mission würde Ellie wohl auch ohne Hilfe ganz gut durch die postapokalyptische Welt kommen. Eine 14-jährige Lara Croft würde Ellie höchstens bewundern. Ellie rockt!

Ein hübscher Schlauch, der mehr sein könnte

Vaterfigur und Tochterfigur auf einer Reise durch die kaputten USA: The Last of Us hat beim Grundgerüst seine Parallelen zu Telltales The Walking Dead. Gerade deshalb fällt mehr als bei anderen Spielen auf, dass es uns keinen wirklich Einfluss auf die Handlung lässt. Wir entscheiden nicht, wem wir vertrauen oder wie wir handeln, sondern folgen Joel und Ellie (die optisch schon was von der jungen Ellen Page in Juno hat, oder?) einfach in ihrer Geschichte.

Die wird vor allem durch die hervorragend inszenierten und animierten Cutscenes und gescriptete Gespräche zwischen den Hauptfiguren vorangetrieben. Die Erkundung der Spielwelt verleiht erst später im Spiel erzählerischen Tiefgang. Was schade ist, denn die sehr interessanten Settings würden auch zu Beginn noch soviel mehr Potential bergen. Wir durchstreifen etwa eine militarisierte Zone, ein von Infizierten überranntes, verlassenes Dorf oder ein von skrupellosen Menschenjägern beherrschtes Großstadtviertel. Ich würde gerne Zeit an diesen Orten einer Welt in Ruinen verbringen und mehr darüber in Erfahrung bringen. Wo man mich später lässt, stecken unheimliche Dramen unter der Oberfläche.

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Wie so oft bei The Last of Us bietet Naughty Dog aber auch hier in der ersten Spielhälfte viel weniger an. Da streifen wir auf Schienen durch eine Welt aus Ruinen. Wir durchsuchen sie nur, weil wir verstecktes Equipment zum Kämpfen brauchen, nicht weil sie uns etwas erzählt. Wir erfahren nicht einmal, warum die sicheren Militär-Quarantänezonen eigentlich so verpönt sind, dass sich dagegen eine Widerstandsbewegung gebildet hat, die lieber in anarchischem Wahnsinn lebt. Etwa zur Halbzeit, also nach 8-10 Spielstunden, habe ich mal in einen Walkthrough geblickt um zu sehen, wie viel da noch kommt. Warum so viel Tamtam um The Last of Us gemacht wurde, konnte man da nicht wissen.

Das Spiel lahmt da immer wieder. Wieso erklärt es mir nicht vorher, wieso ich bei meiner ersten Mission reihenweise Leute auf der Suche nach jemandem abmurkse, mit dem ich angeblich eine Rechnung offen habe? Wieso sind mir die ersten Charaktere, die ich treffe, alle dermaßen egal, obwohl Joel angeblich eine persönliche Beziehung zu ihnen hat? Häufig rennen Joel & Co. ziemlich lange ohne weitere Ereignisse durch die verschlauchte Szenerie und erst später ergeben sich dabei spürbare Zu- und Abneigungen und selbst über die könnte man dann im Einzelnen dann noch debattieren (aber eben immerhin, das könnte man).

Vorsicht ist besser als Ratatata

Optisch sind die Orte durchgehend wunderschön und auch interessant genug inszeniert, um stets Lust auf den nächsten zu machen und das Bedrohungsgefühl aufrecht zu erhalten. Es bleibt – auch dank herausragendem Sounddesign – immer eine Grundnervosität vorhanden. Obwohl sie abgeschwächt wird, weil Joel per visualisiertem Wunder-Gehör durch die meisten Wände sehen und präzise Gegnerbewegungen wahrnehmen kann. Kämpfe beginnen vor allem in der ersten Hälfte des Spiels selten überraschend. Im besonders schweren “Grounded”-Schwierigkeitsgrad fehlt dieses Wunder-Gehör zwar, der ist mir mit seinen reduzierten Save-Checkpoints aber wiederum sonst schlicht zu schwer, um noch genussvoll spielen zu können.

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Wenn es zu den vorhersehbaren Kampfsituationen kam, schleiche ich hinter einen quaderförmigen Gegenstand, der gerade hoch genug ist, um mich dahinter zu ducken, warte bis ein Gegner vorbeikommt und drücke ihm dann lautlos die Luft ab. Einen nach dem anderen, immer das gleiche. Sobald lautloses Töten möglich ist, wird zuverlässig die richtige Taste eingeblendet. Dadurch ist nicht einmal ein besonderes Gefühl für Timing nötig. Die meisten der Feinde erledige ich so mit bloßen Händen ohne Waffenverschleiß. Meine KI-Sidekicks sind seltsamerweise “unsichtbar” für die insgesamt halbschlauen Gegner. Das ist nur deshalb gut, weil ihre Fähigkeiten eher suboptimal sind, sich zu verstecken. Besonders skurril ist es, wenn man sich von hinten an einen “Clicker” (das sind besonders gefährliche Pilzinfizierte) heranschleicht und währenddessen unsere Partner direkt von vorne auf ihn zutanzen.

Situationen geraten über weite Strecken des Spiels nur selten so außer Kontrolle, dass man doch einmal die Schrotflinte entleeren muss. Bei wenigen Gegnertypen, die Naughty Dog auch nicht gerade verschwenderisch einsetzt, muss ich aggressiver Vorgehen und mein Arsenal vorher upgraden. Die überlebt man dafür wiederum selten im ersten Anlauf, weil sie (bis zu einem bestimmten technischen Update) mit dem ersten Treffer töten können. Da das Zielsystem eher halbpräzise und Munition teilweise so rar ist, dass jeder verschwendete Schuss weh tut, bleibt langsames Stealth-Gameplay sowieso Trumpf. Und dazwischen? Puzzles gibt es überhaupt nicht, Klettereinlagen beschränken ihren Abwechslungsreichtum auf das gelegentliche Finden einer naheliegenden Leiter und sowohl Crafting als auch Skillsystem sind nur dazu da, damit man zwischendurch etwas anderes zu tun hat. Sie bereichern das Spiel nicht, beeinflussen kaum den Spielstil.

Ein Überleben ohne Zutun

The Last of Us macht es gut, uns immer wieder ein geographisches, in der Ferne wahrnehmbares Ziel vor Augen zu setzen. Die Spielwelt ist aber an vielen Stellen zu eingeengt, um dabei Entdeckerfeeling aufkommen zu lassen. Es scheint quer durch Städte, Dörfer und Wälder wirklich immer nur genau einen Korridor von A nach B zu geben. Das Gameplay hätte von etwas mehr Open-World-Elementen und Freiraum deutlich profitieren können.

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So behauptet The Last of Us zwar von sich, Survival-Elemente zu besitzen, aber wir haben gar keinen Einfluss auf das Überleben. Die einzige Art zu sterben, sind vorgescriptete Cutscenes und unsausweichliche Kämpfe. Durst, Hunger, Schwäche, nagende Verletzungen, Seuche oder wenigstens der Virus sind keine Gefahren für Joel und Ellie. Entweder man wird von Gegnern direkt getötet, oder eben nicht. Und wird man es doch, geht es zurück zum letzten Checkpoint. Wurscht also. In dem Sinn wäre jedes Spiel ein Survival-Game.

All das klingt unter der Lupe schlimmer als es im Endeffekt ist. Das Spiel wird dadurch nämlich nicht schlecht. Aber diese Designentscheidungen verwehren uns doch den ganz großen Genuss. Und gerade als man sich mit einem “nur guten” Game abgefunden hat, kommt die zweite Spielhälfte und vorrangig die narrative Dramatik zieht bis zum grandiosen Finale gewaltig an. Natürlich: So manche Schwäche bleibt. Die Shootouts steuern sich immer noch nicht geschmeidig, aber sie werden immerhin intensiver. Das Leveldesign bleibt meist schlauchig, erzählt mir aber mehr Geschichten abseits des aktuellen Geschehens und wird aber weniger vorhersehbar. Ach so! Deshalb reden so viele darüber. DAS hat ihnen so gut gefallen! Wir werden gejagt, getrennt, beschossen. Die antreffbaren NPCs werden interessanter, die Schicksalschläge dementsprechend härter, die moralischen Dilemma brutaler – auch wenn wir sie ohnehin nicht lösen oder beantworten dürfen.

Das Gesamtpaket stimmt

Es fällt dann auch schwer, dem Spiel diesen lahmen Beginn überhaupt noch vorzuhalten, hinten raus ist das eine erinnerungswürdige, teilweise meisterhafte Erfahrung. The Last of Us ist dann alles in allem ein sehr gutes Spiel, aber es ist zu klassisch aufgezogen. Es lässt praktisch nie die Zügel schleifen, behält mich, meine Aktionen und seine Erzählung stets unter Kontrolle. Vielen wird das vermutlich reichen, auch ich fühle mich dabei grundsätzlich gut unterhalten. Aber den vielgerühmten “Meilenstein” der Spielegeschichte sehe ich dann doch nirgends. Da reichen geniale zwei Stunden am Schluss dann irgendwie doch einfach nicht.

Natürlich. Das versteckte Potential wäre da, aber zu viele Aspekte wurden halt im ein oder anderen Konkurrenzprodukt durchaus besser umgesetzt. Die erste Spielhälfte lässt einfach auf jeder Ebene zu viel vermissen, um herauszuragen – ihr Spannungsbogen ist viel zu flach. Was für The Last of Us spricht, ist das Gesamtpaket aus soliden Einzelaspekten, natürlich die starke Inszenierung einer stellenweise brutalen Erzählung und die Charaktere. Durchhalten lohnt sich wirklich. Das Schlussdrittel von The Last of Us sollte man wirklich gesehen haben.

Info-Box: Das bietet die The Last of Us Remastered

Neu in der The Last of Us Remastered-Version ist neben dem Grounded-Schwierigkeitsgrad unter anderem ein Foto-Modus für spektakulärerer Screenshots, ein zweistündiges Addon (das eine Vorgeschichte zu Ellie erzählt, die man wegen Spoilern aber erst nach dem Hauptspiel spielen sollte), Multiplayer-DLC (von mir ungetestet, soll aber gut sein), einen Foto-Modus für besonders gestylte Screenshots und eine kommentierte Version. In der von uns getesteten Playstation 4-Version läuft das Spiel nun in 1080p mit 60 FPS und sieht schlicht hervorragend aus. Verbesserte Partikeleffekte sorgen neben verbesserten Texturen und flüssigeren Bildern für die Extraportion Lebendigkeit. Wer das Original bereits durchgespielt hat, muss eigentlich nicht zugreifen.

The Last of Us erschien auf Playstation 3, The Last of Us Remastered auch auf der Playstation 4. Kauft ihr über diesen Link bei Amazon, erhalten wir eine kleine Provision. Danke!