Die unglaubliche Serie von SKT

Wenn man in League of Legends als eSport einsteigt, ist es oft schwer, sich einzulesen. Alleine schon, weil das Spiel komplex ist. Bis man alle Champions versteht oder eine Übersicht hat, wer wer ist, vergeht einiges an Zeit. Aber wer sich mit „LoL“ beschäftigt, der kommt an einem Namen nicht vorbei. Ein Name, der eSports dominiert. Ein Spieler, ein Team. Und eine Erfolgsserie, die seit zwei Jahren anhält.

Der beste Spieler der Welt ist Faker. Darin ist man sich einig. Es gibt keinen Herausforderer nach dem Messi/Ronaldo-Schema, es gibt keine Diskussion. Wenn jemand League of Legends verstanden hat, dann ist es der Südkoreaner Lee Sang-Hyeok, der mit seinem Team seit zwei Jahren alles abräumt, was es abzuräumen gibt. Die Geschichte ist aber spannender als „Er ist zu gut“. Es ist die Geschichte des dominantesten Teams in der bisherigen eSports-Geschichte.

Der erste Titel

Genau genommen beginnt diese Geschichte im Jahr 2013. Season 3, wie sich mancher Spieler daran erinnert. Für die erst dritte Saison des eSports „League of Legends“ gab es schon eine recht beachtliche Weltmeisterschaft. 14 Teams von drei Kontinenten kämpften mit Maus und Tastatur um den Hauptpreis von einer Million US-Dollar.

Im Finale traf das koreanische Team „SK Telecom T1“ – kurz SKT – auf die Chinesen vom „Royal Club“. Und für ein Finale war es doch recht deutlich. In einem „Best of 3“ – das erste Team, das drei Spiele gewinnt, ist der Sieger – gewannen die Koreaner mit drei zu null. Und es war der Beginn einer unglaublichen Serie: Nicht nur hat seitdem kein nicht-koreanisches Team mehr die Weltmeisterschaft gewonnen. Es war auch der erste Titel für den besten Spieler der Welt. Faker.

Das Team ist zum Großteil noch heute aktiv. Top Laner Impact ist momentan einer der besten seiner Position in der nordamerikanischen Liga und schaffte es mit dem Kult-Team Cloud 9 ins Viertelfinale der WM 2016. AD Carry Piglet spielt beim nordamerikanischen Team Liquid und wechselte in die Mid-Position, um gegen den Abstieg zu kämpfen. Und Jungler Bengi verließ nach seinem dritten Titel an der Seite von Faker das Team und verdient in der chinesischen Liga deutlich mehr. Nur noch Faker und der Trainer, kkOma, sind übrig.

Das andere Super-Team

Seitdem hat sich viel getan. Unter anderem ist auch die „richtige“ Serie losgegangen. Anfangs hatte ich erwähnt, dass SKT seit zwei Jahren dominiert – denn bei der Weltmeisterschaft 2014 stolperten sie. Gegen die beiden Schwester-Teams von Samsung und den Rivalen kt Rolster musste sich der amtierende Champion mit einem vierten Platz zufriedengeben. Und nur die besten drei fahren zur WM.

Genauer gesagt: Sie waren nicht dabei. Es galt lange als „Fluch“ der Weltmeisterschaft, dass sich der Weltmeister des letzten Jahres nicht für die nächste WM qualifizieren kann. Auch das Wunderteam SKT konnte das zuerst nicht unterbrechen – und scheiterte 2014 an der Qualifikation. Andere Koreaner gewannen die Weltmeisterschaft. Samsung Galaxy White, eines der beiden Pro-Teams des Samsung-Konzerns, gewann die WM in einer so dominanten Art, dass sie noch heute von einigen als das beste Team aller Zeiten gesehen werden. Von SKT redete zu dieser Zeit kaum jemand.

Danach ging es los.

Der Beginn eines mordsmäßigen Laufs

2015 änderte sich einiges bei SKT. Das Weltmeisterteam wurde an drei Stellen ausgetauscht: Auf der Top Lane kam MaRin, ein zur damaligen Zeit recht unterschätzter Spieler, der nur für gute Performances auf einen Champion (Renektion) bekannt war. Auf der Bot Lane wiederum kam das Duo Bang (AD Carry) und Wolf (Support), das bis heute unverändert ist. Und dem Schlüsselspieler Faker machte der Mid Laner Easyhoon Konkurrenz, der von vielen immer noch als die ewige Nummer 2 gesehen wird und heute beim chinesischen Team Vici Gaming der alleinige Star ist.

Quelle: SKT (Twitter)
Faker (sitzend) und Easyhoon (stehend)

Nachdem sich das Super-Team Samsung White aufgelöst hatte, war 2015 zu erwarten, dass SKT wieder zu den Titelanwärtern gehörte. Der „Champions Korea“-Titel der LCK wird als Signal dafür gesehen, wer Weltmeister wird: Das stärkste Team der stärksten Liga ist eben immer der Favorit. Und es folgte eine erwartungsgemäß dominante Saison: 17 Siege und nur eine Niederlage brachten SKT auf einen klaren Platz 1 und schürten hohe Erwartungen für die Weltmeisterschaft. Und seitdem beginnt die unglaubliche Serie, die bis heute anhält.

 

Die WM 2015

Die Gruppenphase der WM war nichts als eine Aufwärmübung für SKT. Mit sechs Siegen und null Niederlagen fegten die Koreaner den chinesischen Vizemeister Edward Gaming, die Europäer von H2k-Gaming und die thailändischen Meister Bangkok Titans weg. Auch im Viertelfinale gegen den Taiwaner Kult-Club AHQ und im Halbfinale gegen Europas Wunderteam Origen ließ sich SKT keine Niederlage abluchsen – mit jeweils drei zu null und ungeschlagen zogen sie ins Finale ein. Es ist bis heute symptomatisch für das Spiel von SKT: Sie spielen quasi fehlerfrei und nutzen die Fehler der Gegner gnadenlos aus, so dass die kleinsten Unaufmerksamkeiten spielentscheidend sind. Ihr Weg ins Finale war beeindruckend.

Erst dort stieß SKT dann auf eine, sagen wir mal, „annehmbare Konkurrenz“. Die KOO Tigers, die sich in Korea nur über das Playoff für das Turnier qualifiziert hatten, knüpften SKT die erste und einzige Niederlage seit ihrem einen Patzer der regulären Saison ab. Für einen kurzen Moment mauserten sich die Tigers vom Außenseiter zum ernsthaften Titelanwärter. Aber am Ende wurde es mit drei zu eins jedoch wieder ein klarer Sieg für das Team von Faker. Zum zweiten Mal hielten er und Bengi den „Summoners Cup“ in den Händen.

MVP der Weltmeisterschaft war allerdings nicht Faker, sondern ein anderer: Top Laner MaRin hatte sich zum vielleicht besten Top Laner der Welt entwickelt. Auch im Turnier ließen seine Gegner ihn seinen Main Champion Renekton spielen, auch auf anderen Bruiser-Champs wie Darius und Fiora gab es herausragende Performances von ihm. Faker spielt jeden Champion gut, antizipiert Dinge, bevor sie passieren, und muss nicht immer scheinen. Aber die WM 2015 gehörte dem ganzen Team. Aber wenn sie einem Spieler gehörte, dann gehörte sie MaRin.

Bildergebnis für marin world champion 2015 league of legends

Die neue Suche nach einem Superteam

Insofern war der Abgang von MaRin nach China eine Art Downgrade für SKT. Der neue Top Laner Duke war noch nicht als einer der besten Top Laner etabliert – aber das war auch schon bei MaRin der Fall gewesen. Mit Blank hatte SKT sich auch einen neuen Jungler geholt, der sich mit Bengi abwechseln sollte. Trotz MaRins Abgang sah das Team immer noch sehr dominant aus. Und die Fans suchten ein Team, das mit ihnen konkurrieren konnte.

Wie eindrucksvoll SKT über die Gegner drübergefahren war, wurde mit dem Samsung Super-Team verglichen. Und so spekulierten die Fans auf das eine Team, das SKT 2016 herausfordern würde. Bisher waren das neben Samsung immer die Spieler von kt Rolster gewesen. Die beiden Klubs verbindet eine Rivalität, genannt „Telecom War“. Da SKT für die „South Korean Telecom“ steht, KT wiederum für „Korean Telecom“, bekriegten sich meist nicht nur die besten Teams der Welt, sondern eben auch zwei rivalisierende Konzerne. In Korea ist das keine Besonderheit. Und um SKT zu besiegen, musste scheinbar KT Rolster herhalten.

Und kurz sah es sogar danach aus! In der letzten Runde der koreanischen Meisterschaft 2016 schaffte kt Rolster den „Reverse Sweep“ gegen SKT – das heißt, sie drehten ein 0:2 zu einem 3:2. (Die ganze Geschichte dazu hatten wir hier) Nachdem AD Carry Arrow drei Spiele hintereinander den Champion Jhin spielen durfte, musste sich SKT im Halbfinale verabschieden. Das Finale wiederum gewann jemand anderes: Die ROX Tigers, die umbenannte Version der KOO Tigers.

Zum ersten Mal gefordert

Das war eine interessante Konstellation. Denn durch den Sieg der Tigers im Finale kam mit SKT zum ersten Mal der amtierende Weltmeister auch zur nächsten Weltmeisterschaft – denn SKT hatte in der regulären Saison mehr Punkte gesammelt als KT Rolster. Diese wiederum schafften trotz ihrem Sieg gegen den Weltmeister keine Qualifikation. Sie mussten sich überraschend dem neu formierten Samsung Galaxy-Team geschlagen geben, das auch ohne die Weltstars von 2014 aufspielen konnte.

Zur WM fuhren also das völlig unterschätzte Samsung Galaxy, die Champions ROX Tigers und die geschlagenen Könige von SKT. Und alles wartete auf das Finale: ROX gegen SKT.

ROX war das einzige Team, das SKT schlagen konnte. Das war nicht nur bei der WM 2015 demonstriert worden, es war sogar wahrscheinlicher geworden. Das Team blieb nahezu unverändert, nur auf der Jungle-Position wurde Hojin durch den wesentlich aggressiveren Peanut ersetzt. Mit Smeb hatten die ROX Tigers den vermutlich besten Top Laner der Welt, auch das Bot Lane-Duo Pray (AD Carry) und Gorilla (Support) gilt als gleichauf mit der SKT-Weltmeister-Bot Lane. Das Finale war also angerichtet. Nur ein Team konnte SKT etwas entgegensetzen.

Die WM 2016

Und es lief fast wie erwartet. SKT verlor unerwartet ein Spiel der Gruppenphase gegen den taiwanesischen Meister Flash Wolves, die Tigers ließen Punkte gegen Teams aus Nordamerika und Russland liegen. Aber an der Dominanz und dem Weiterkommen der Koreaner wurde nicht gezweifelt., und im Viertelfinale gab es auch kleine Überraschungen. Gegen die chinesischen Teams Royal Never Give Up (Gegner von SKT) und Edward Gaming (Gegner von ROX) verloren wiederum beide je ein Spiel.

Das Finale war angerichtet. Das Problem war: Das Duell fand schon im Halbfinale statt.

Was dann geschah, gilt für viele als die beste Partie League of Legends, die je gespielt wurde. Im knappest möglichen 3:2 konnte SKT die Tigers erneut bezwingen. Die Tigers, die wiederum eine eigene Storyline etabliert hatten. Als einziges Team der koreanischen Liga waren sie nicht von großen Unternehmen gesponsert. Sie hatten sich als „Loser-Team“, als Sammlung der übrig gebliebenen gegründet, und sich ohne das ganze Profi-Gehabe der meisten koreanischen Spieler ganz nach oben gekämpft. Am Ende war es kein Pro-Team, das SKT das beste Match aller Zeiten abforderte – es waren fünf Freunde, wie die Spieler auch später sagten.

Auch im Finale gab es noch eine Überraschung: Samsung Galaxy hatte es ins Finale geschafft und forderte SKT ebenfalls eine Fünf-Spiele-Serie ab. Diese wurde allerdings etwas deutlicher entschieden und hatte nicht die Implikationen, die das Halbfinale hatte. Durch das verlorene Halbfinale trennten sich mit den ROX Tigers die nur vielleicht besten, aber sicher die sympathischsten Spieler, die Korea kannte. Die Mission, Faker zu besiegen, war gescheitert. SKT und Faker wurden zum dritten Mal Weltmeister. Und erneut zeigte nicht nur SKT, sondern Korea seinen Vorsprung gegenüber allen anderen.

Das neue koreanische Super-Team

Die ROX Tigers waren deprimiert. Nach ihrer Niederlage gegen SKT trennte sich das vermutlich ebenbürtigste Team, das SKT im Weg gestanden hatte. Top Laner Smeb spielt bei kt Rolster, Mid Laner Kuro bei den Afreeca Freecs, die Bot Lane mit Pray und Gorilla wechselte zu Longzhu Gaming und Jungler Peanut ersetzte Bengi bei SKT. Es ist das größte Break-Up in der jungen eSports-Geschichte.

Aber es wäre nicht eSports, wenn es nicht immer was Neues gäbe. Nach der Trennung der Tigers gibt es den neuen Versuch eins Super-Teams: KT Rolster ist zurück auf der Bildfläche. Und das aktuelle Team von KT ist in etwa das, was Real Madrid passiert war, nachdem sie Kaka und Ronaldo gekauft hatten: Das prestigeträchtigste, auf dem Papier sicher stärkste Team der Welt.

Top Laner Smeb spielte zuvor bei den ROX Tigers und ist trotz der Niederlage gegen SKT klar besser als Duke einzuschätzen. Jungler Score ist ein KT-Urgestein und scheint nach dem Abgang von Bengi der neue stärkste Jungler der Liga zu sein. AD Carry Deft und Support Mata gelten ebenfalls als die besten auf ihrer Position – 2016 jedoch spielten sie bei den chinesischen Teams, die im Viertelfinale gegen Korea das Nachsehen hatten. Somit wirkt KT auf dem Papier auf vier Positionen stärker als SKT. Die Exodia, quasi.

Storylines

Wäre da nicht Faker. Den besten Mid Laner der Welt kann weder auf dem Papier noch im Spiel jemand das Wasser reichen. So entschied sich KT für Pawn – den Mid Laner des Samsung Galaxy Super-Teams, das 2014 als das Beste der Welt gegolten hatte. Nach einer enttäuschenden Saison in China will er es wieder wissen und sich mit dem Besten anlegen. Das ist nicht die einzige Geschichte: kt Rolsters AD Carry Deft und Faker waren sogar in derselben Klasse.

Auch SKT hat umgestellt. Der Jungler wurde wie gesagt durch Peanut ersetzt, der nach wie vor mit Blank rotiert. Auf der Top Lane spielt nun Huni, der in den letzten Jahren als bester Top Laner des Westens beim europäischen Team Fnatic und in Nordamerika mit den Immortals stark aufzeigen konnte. Auch er rotiert mit dem Rookie Top Laner Profit. Bisher machen beide einen sehr guten Eindruck – und das Klischee, dass Huni keine Tank-Champions spielen kann, hat sich mittlerweile erledigt.

KT Rolster ist also das gehypte Team der Saison. Und viele finden alleine schon aus Langeweile und dem Wunsch nach Abwechslung, dass SKTs Serie endlich enden muss und endlich jemand auf das gleiche Level kommen muss.

Kein Ende in Sicht

Momentan geht der Lauf aber noch weiter. In den bisherigen zwei Begegnungen mit kt Rolster konnten Faker und seine Mitspieler jeweils mit zwei zu eins gewinnen. Vor allem die erste Begegnung hat die Fans beider Teams begeistert und viele sehen im „Telecom War“ das Derby der Saison. Analysen zu den Spielen gibt es genug, und vermutlich hat jeder eine eigene Meinung dazu, warum kt Rolster im Endeffekt verloren hat.

Aber bis zur Weltmeisterschaft ist noch Zeit für kt Rolster, zu wachsen. Und sie sind nicht allein: Mit den Afreeca Freecs und Longzhu Gaming sind zwei sehr starke Teams dazugekommen, und Samsung Galaxy ist mit demselben Personal vom Finale 2016 ebenfalls auf Revanche aus. SKT kann sich also keine Sekunde ausruhen. Und da Faker das baldige Ende seiner Karriere schon angedeutet hat, ist es nicht zu erwarten, dass er irgendwie nachlassen wird, um seine Legende am Ende kaputtzumachen.

Die koreanische und die Weltmeisterschaft werden also nicht ohne SKT entschieden werden. Es gibt kein Team, das eine so hohe Dominanz zeigt und schon zum vierten Mal nach dem Weltmeistertitel greift. Und es bleibt sehr wahrscheinlich, dass diese Serie so schnell nicht abreißt.