Der Geeetech M1S ist ein kompakter 3D-Drucker, der sich ganz klar an Einsteiger, Kinder, Schulen oder Menschen mit sehr wenig Platz richtet. Schon auf den ersten Blick wird deutlich, dass hier nicht versucht wird, eine große Maschine zu imitieren, sondern bewusst ein kleines, zugängliches Gerät zu bauen. Gleichzeitig bringt der M1S einige Funktionen mit, die man selbst bei deutlich teureren Druckern manchmal vermisst, etwa einen integrierten Nozzle-Wiper. Mit einem Preis von rund 200 Euro bietet er für Einsteiger überraschend viel Ausstattung.
Diese Mischung aus moderner Technik und eigenwilligen Designentscheidungen macht den Drucker interessant – und ein wenig erklärungsbedürftig.
Bauform, Technik und Ausstattung
Mit seinen äußeren Abmessungen von rund 280 × 200 × 300 mm ist der M1S deutlich kleiner als Drucker wie ein Prusa MINI, Bambu Lab A1 Mini oder ein Sovol Zero. Trotz seines eher geschlossenen Gehäuses handelt es sich dabei nicht um einen CoreXY-Drucker, sondern um einen klassischen Bedslinger, bei dem das Druckbett vor und zurück fährt. Das bedeutet, dass man auch bei dieser kompakten Bauform vor und hinter dem Drucker etwas zusätzlichen Platz einplanen muss. Die Verarbeitung wirkt insgesamt einfach, aber überraschend solide. Nichts klappert oder wackelt, der Rahmen fühlt sich stabil an, auch wenn der Drucker in der Haptik ein wenig an ein Spielzeug erinnert – was bei der anvisierten Zielgruppe durchaus beabsichtigt sein dürfte.
Beim Blick auf die Technik wird schnell klar, dass Geeetech hier mehr verbaut hat, als man von einem „Spielzeug“ erwarten würde. Das offiziell angegebene Bauvolumen von 100 × 110 × 100 mm ist in der Praxis etwas optimistisch. Mit dem mitgelieferten Orca-Slicer-Profil stehen realistisch etwa 105 × 105 × 95 mm zur Verfügung. Auf der X- und Y-Achse lässt sich mit etwas Feintuning noch minimal mehr herausholen, auf der Z-Achse bleibt es jedoch dabei. Das Hotend erreicht Temperaturen bis 230 °C, das Heizbett maximal 60 °C, womit klassische Niedertemperaturmaterialien wie PLA oder TPU problemlos möglich sind.

Beim M1S erhält man einen Direct-Drive-Extruder, automatisches Bed-Leveling, Input Shaping, Pressure Advance, einen Filament-Runout-Sensor sowie eine texturierte PEI-Platte. Die Anbindung erfolgt entweder über USB, MicroSD oder über WLAN und Bluetooth. Die integrierte Modellbibliothek ist überschaubar, reicht aber für erste Experimente aus. Insgesamt ist der M1S damit deutlich besser ausgestattet als viele Einsteigerdrucker, die noch vor wenigen Jahren auf dem Markt waren.
Der M1S ist zudem reparaturfreundlich aufgebaut. Statt eines verklebten oder weitgehend versiegelten Konsumprodukts setzt Geeetech auf eine klassisch verschraubte, modulare Konstruktion, die überschaubar bleibt. Hotend, Extruder, Riemenführung und auch die Elektronik sind vergleichsweise gut zugänglich, sodass Wartung, kleinere Reparaturen oder der Austausch von Verschleißteilen problemlos möglich sind. Gerade für Einsteiger, Schulen oder den Einsatz mit Kindern macht das den M1S eher zu einem Lernobjekt als zu einer Blackbox, die einfach nur funktioniert. Positiv hervorzuheben ist außerdem, dass Geeetech für den M1S ausführliche Reparatur- und Wartungsanleitungen in einem öffentlich zugänglichen Wiki bereitstellt.
Druckqualität und Praxiserfahrung
In der Praxis zeigt sich der M1S überraschend kompetent. Passend zur Zielgruppe habe ich mich dazu hinreißen lassen, meinen ersten Flexi-Drachen zu drucken, zumal Geeetech gleich Rainbow-Silk-Filament zum Test mitgeschickt hat. Die Druckqualität überzeugt insgesamt: PLA kommt mit glatten Oberflächen und klaren Details aus der Maschine, bei Silk-Filamenten sind lediglich leichte Vibrationen in Form minimaler VFAs sichtbar. Der erste Layer ist ab Werk allerdings nicht optimal, offenbar fehlt dem automatischen Bed-Leveling ein kleiner Korrekturfaktor für die texturierte PEI-Platte. Im Menü lässt sich das Z-Offset jedoch sehr einfach anpassen, und nach wenigen hundertstel Millimetern sitzt der erste Layer zuverlässig und perfekt. Auffällig ist die sehr aggressive Bauteilkühlung, die bei PLA teilweise zu feinem Stringing führt. Das geschmolzene Filament wird förmlich weggeblasen, was zusätzlich durch die hohe Lautstärke der Lüfter verstärkt wird. Reduziert man die Kühlung etwas, lässt sich dieser Effekt gut in den Griff bekommen.




Die PEI-Platte selbst fühlt sich zwar eher wie ein Backblech aus einer Puppenküche an, erfüllt ihren Zweck aber problemlos. Auch einfache funktionale Teile lassen sich sauber drucken, die Schichthaftung ist gut und die Maßhaltigkeit stimmt. Für kleine Organizer oder Gridfinity-Boxen reicht das Bauvolumen aus, bei größeren Modulen stößt man jedoch schnell an die Grenzen des Druckers.
Interessant wird es beim Drucken unter höheren Geschwindigkeiten. Dreht man die Verfahrgeschwindigkeiten auf die offiziellen 200 mm/s, lässt sich ein Benchy in rund 50 Minuten drucken – und das recht sauber. Noch extremer getestet, orientiert an der #SpeedBoatRace-Challenge, rattert die Maschine einen 3DBenchy in rund 20 Minuten aus. Das Ergebnis ist zwar eher zweifelhaft, zeigt aber beeindruckend, welches Potenzial in der kleinen Maschine steckt. Dabei erreicht sie einen maximalen Fluss von 22 mm³/s PLA – fast das Doppelte der Werkseinstellungen.



Schwächen und fragwürdige Entscheidungen
Das größte Limit des M1S ist offensichtlich: das sehr kleine Bauvolumen. Größere Projekte oder komplexere Bauteile lassen sich hier schlicht nicht sinnvoll umsetzen. Hinzu kommt ein Display ohne Touchfunktion, das über einen Drehknopf bedient wird. Das wirkt heute zwar altmodisch, war aber bis vor Kurzem noch absoluter Standard. Die Anleitung ist größtenteils auf Englisch gehalten, was für absolute Anfänger oder Kinder eine Hürde darstellen kann. Auch die App- und WLAN-Anbindung klingt auf dem Papier praktisch, erweist sich im Alltag jedoch als unnötig kompliziert. In vielen Fällen ist es einfacher, die Druckdaten klassisch per MicroSD-Karte zu übertragen, denn eine direkte Übertragung aus dem Slicer per WLAN ist nicht möglich – ein USB-Port für einen USB-Stick wäre wünschenswert.

Eine besonders fragwürdige Designentscheidung betrifft den Spulenhalter: Dieser ist für 0,5-Kilogramm-Spulen ausgelegt. Nutzt man eine gängige 1-Kilogramm-Spule, blockiert diese nicht nur den USB-Port, sondern auch den Netzanschluss und den Netzschalter an der Seite des Druckers. Konstruktiv hätte man dieses Problem eleganter lösen können, etwa durch eine andere Positionierung der Anschlüsse. Geeetech bietet zwar einen Spulenhalter zum Selbstdrucken an, dessen Druckzeit ist jedoch vergleichsweise lang. Aus diesem Grund habe ich kurzerhand einen neuen, besseren Halter entworfen:
Download auf Printables und MakerWorld
Auch die Platzierung des Nozzle-Wipers kostet effektiv Bauvolumen, das man mit einer um 90° gedrehten Anordnung zumindest teilweise hätte zurückgewinnen können. Am deutlichsten negativ fällt jedoch die Lautstärke, insbesondere die der Lüfter.

Der Elefant im Raum: ist der M1S ein Klon?
Wer den Tina2S kennt, wird sich zurecht fragen, ob ein Verwandtschaftsverhältnis besteht: der Tina2S wird seit Jahren als Kinder-Drucker unter verschiedenen Markennamen wie Weedo, Weefun, ENTINA, HEPHI3D oder Asani von Jiangsu Wiiboox Technology als Whitelabel-Produkt verkauft und genießt einen teils zweifelhaften Ruf.
Auf unsere direkte Nachfrage hat Geeetech hierzu ausführlich Stellung genommen. Laut Aussage der Entwicklungsabteilung wurden der M1 und der M1S vollständig von Geeetech selbst entwickelt. Es handelt sich demnach nicht um ein White-Label-Produkt oder eine OEM-Plattform eines Drittanbieters. Mechanik, Elektronik und Firmware seien eigenes geistiges Eigentum, inklusive Direct-Drive-Extruder, Motion-System und der Firmware, die auf Input Shaping und Pressure Advance basiert.
„The Geeetech M1S was fully conceived, designed and developed independently by Geeetech’s in‑house R&D team. At present, there is no licensing, co‑development, or white‑label relationship between the Geeetech M1S and the Tina2S family or related variants.“
Dieser Aussage kann man zustimmen: Nach näherer Betrachtung gibt es technisch teils sehr große Unterschiede zur Tina2S-Familie. Die Y-Achse nutzt eine andere Riemenführung mit mehr Kontakt zur Zahnriemenscheibe, was höhere Beschleunigungen erlaubt. Statt eines Bowden-Systems kommt ein Direct-Drive-Extruder zum Einsatz. Das Gehäuse ist runder gestaltet und liegt besser in der Hand, das Display ist farbig und höher auflösend. Der Z-Offset wird über einen eigenen Referenz-Endstop bestimmt und nicht direkt über das Bett.
Der M1S ist damit kein simples Rebranding eines bestehenden Produkts sondern ein deutlich anders aufgebautes, viel leistungsstärkeres Produkt – auch wenn nicht von der Hand zu weisen ist, dass Geeetech auf Off-the-Shelf-Teile von Zulieferern zurückgreift, die man auch im Tina2S findet. Auch bei den Gehäuse-Dimensionen und dem Aufbau hat man sich zumindest teilweise inspirieren lassen.


Fazit und Einordnung
Am Ende bleibt die zentrale Frage, ob der Geeetech M1S eine echte Existenzberechtigung hat. Die Antwort lautet: ja – allerdings innerhalb einer klar definierten Zielgruppe. Gibt es Drucker mit größerem Bauvolumen oder höherer Leistung zum gleichen Preis? Sicher. Der M1S ist weder ein Blackbox-Drucker, der automatisch perfekte Ergebnisse liefert, noch eine Hochgeschwindigkeitsmaschine mit komplexer Kinematik. Vielmehr handelt es sich um einen bewusst einfach gehaltenen Drucker, der anschaulich zeigt, wie FDM-3D-Druck funktioniert.
Durch das weitgehend geschlossene Gehäuse und das externe 24-Volt-Netzteil wirkt der M1S etwas sicherer und weniger abschreckend als große offene Maschinen. Wer einen kompakten, günstigen Drucker sucht, um unter Aufsicht Kinder oder absolute Einsteiger an das Thema heranzuführen, findet in ihm ein überraschend modernes und durchdachtes Gerät. Und ganz ehrlich: Es ist faszinierend zu sehen, wie eine Technologie, die vor wenigen Jahren noch Industrie und Enthusiasten vorbehalten war, heute in einer kindgerechten Form auf dem Schreibtisch Platz findet.
