Pokemon Go

Ihr habt Pokémon Go nicht verstanden

Pokemon Go ist also endlich draußen. Das, worauf alle Kinder der Nuller-Jahre schon ewig lang gewartet haben. Und things are happening now! In Wyoming fand eine Spielerin beim Spielen eine Leiche, Skater fallen beim Spielen von ihrem Board, Diebe benutzen Pokemon Go, um an abgelegenen Orten zuzuschlagen. Die Kinder gehen wieder raus. What a time to be alive.

Und die Daten sprechen für sich. Der Börsenwert von Nintendo stieg sprungartig um fast 60 Prozent an, in kürzester Zeit wurden 14 Milliarden Dollar eingespielt. An aktiven Nutzern könnte das Augmented Reality-Game schnell Snapchat einholen, und kurzzeitig wurde Pokemon Go sogar schon mehr gegoogelt als Pornos. (wobei man hier anmerken muss, dass sich nicht jeder seine Pornos googelt …)

Die Medienwelt scheint das mitbekommen zu haben und berichtet natürlich über den Hype. Zu verstehen scheint ihn allerdings nicht jeder:

Irgendwo auch klar und nichts, was man der Journalisten-Bubble vorwerfen darf. Vor allem, wenn man täglich mit Wichtigerem konfrontiert ist, hat man nicht mal Zeit, dem Ganzen eine Chance zu geben. Und gerade bei den dominierenden älteren Semestern im Journalismus kann man froh sein, dass sie sich mittlerweile auf Smartphones einlassen.

Was aber total an ihnen vorbeigeht, ist der Grund, wieso Pokemon Go so einschlägt. Und ich denke, das ist auch aus Medienperspektive durchaus eine Überlegung wert.

Crashkurs Pokemon Go

Aber eine kurze Erklärung, falls das jemand bis jetzt wirklich konsequent ausgeblendet hat. Pokemon Go ist die Smartphone-Version der alten Pokemon-Spiele, die 1996 zum ersten Mal für den Nintendo Gameboy erschienen sind. Gameboys hatten schon damals den Vorteil gegenüber anderen Videospielen, dass sie handlich sind und man auch unterwegs mit ihnen spielen konnte. Mit immer neuen „Editionen“, also Teilen der Spielreihe, und mit immer neuen Pokemon, lebte der Hype lange weiter und begeisterte eine Generation der späten 90s-Kids und der 2000er-Kinder.

Im Spiel geht es darum, Pokemon („Pocket Monsters“) zu fangen. Diese haben verschiedene Fähigkeiten und Eigenschaften, und man kann sie gegeneinander antreten lassen. Im Gameboy-Pokemon steuerte man noch seinen Charakter durch die Welt, um die besten Pokemon-Trainer im Kampf zu besiegen. Mit Pokemon Go ist das alles aber real geworden.

Denn anders als die alten Spiele basiert Pokemon Go auf Augmented Reality. Das heißt, das Spiel bezieht die „echte Welt“ mit ein. Das hat Niantic (Mitentwickler von Pokemon Go) schon mit Ingress vorgemacht – wegen diesem Spiel gingen Leute mit tragbaren Akku-Aufladern bewaffnet nach draußen, um die Sehenswürdigkeiten ihrer Stadt gegen andere Teams zu verteidigen. Pokemon Go basiert auf demselben Prinzip: Um Pokemon zu fangen, gehst du jetzt nach draußen.

Und das war auch im Prinzip schon alles, was man darüber wissen muss. Für Leute, die die alten Spiele nie gespielt haben, ist der Hype möglicherweise immer noch schwer verständlich.

Social Gaming

Letzte Woche besuchte mich ein Salzburger Freund in Wien. Ausgemacht war, abends essen zu gehen, er war jedoch schon vormittags da – unter anderem, um Pokemon Go zu spielen. Fast den ganzen Tag verbrachte er damit, zu bestimmten Points of Interest – im Spiel Pokestops genannt – zu gehen, um dort Pokemon zu fangen und Items freizuschalten. Im Stadtpark traf er wiederum eine Gruppe anderer Spieler, mit denen er sich schnell anfreundete, um zusammen Pokemon zu spielen.

Das ist eine nette Anekdote, die allerdings symptomatisch dafür ist, warum Pokemon Go nicht nur gehypt, sondern auch geil ist. Noch vor dem offiziellen Release-Termin in Österreich gibt es Facebook-Gruppen, in denen sich die „Teams“ – es gibt drei Teams, die ihre Pokemon gegeneinander kämpfen lassen – connecten. Auch ein „Pokemon Go Nightwalk“ fand schon statt – und wenn man bei Facebook nach „Pokemon Go Night“ sucht, sieht man, dass das überall stattfindet.

Von daher ist Pokemon Go nicht nur ein weiteres Social Network, sondern die Weiterentwicklung davon. Viele, die sich gerade auf Social Media darüber beschweren, für „sowas“ keine Zeit zu haben – und es sei ihnen ja verziehen –, versäumen, dass auch Pokemon Go etwas sehr Soziales ist. Und das macht den Reiz überhaupt erst aus.

Es gibt nicht wirklich einen guten Grund, sein Essen auf Instagram zu posten – außer „Social“. Für Snapchat gibt’s wohl sowieso keinen. Aber Pokemon Go ist erstmal ein Spiel aus unserer Kindheit – und dann kommt noch das Soziale dazu, dass unseren Medienkonsum und unser Verhalten so entscheidend prägt. Es ist also absolut nachvollziehbar, dass die App auf so viel Resonanz trifft. Und vielleicht brauchen wir uns gar nicht darüber lustig machen, wenn das nächste Mal Leute mit Akkupacks an uns vorbeirennen.