Diablo 3 – Blizzards Spagat zwischen Gut und Böse

Diablo 3

14 Stunden und ein paar Minuten. So lange hat mein Mönch gebraucht, um von den Pforten New Tristrams aufzubrechen und dem Höllenfürsten persönlich den Gar auszumachen. 14 Stunden, aufgeteilt auf zwei Sessions. Kein Zweifel, auch Diablo 3 ist ein Hack-and-Slay-Suchtspiel reinster Güte. Und trotzdem hat Blizzard auch so Manches falsch gemacht.

Doch bevor ich losnörgle, mögen freilich auch die guten Seiten dieses Spiels beleuchtet sein. Was schnell auffällt, ist die Liebe zum Detail, besonders in grafischer Hinsicht. Das beginnt bei den sehr abwechslungsreichen Landschaften, die mit distinguierter Flora und Fauna geschmückt sind. Diese erlaubt teilweise auch Interaktion, was vom Zertreten von Insekten bis hin zu explodierenden Giftpflanzen reicht. Und im Kampfgewirr geht auch schonmal Mauerwerk zu Bruch.

Alte Stärken im neuen Gewand

Diablo 3 setzt auf einen Mix aus sehr bunter Grafik – die beiden in die Jahre gekommenen Vorgänger sind deutlich düsterer gehalten – und gemalter Optik. Ersteres ist eine logische Entwicklung, denn die Neigung der Gestalter zu knalliger Farbenpracht und teilweise comicartigen Designelementen ist spätestens seit WarCraft 3 und WoW nichts Neues mehr. Die animierten Hintergründe mit Gemäldeflair fügen sich gut ein und schaffen Atmosphäre.

Über das Sounddesign und Musik kann man ebenso kaum ein schlechtes Wort verlieren, von ein paar oft wiederholten Sprachsamples des Helden und seiner Begleiter einmal abgesehen. Wer kann, sollte sich trotzdem die englische Synchronisation zu Gemüte führen. Ohne halbwegs moderne Hardware an ihren Leistungszenit zu treiben hat man auch Features wie Ragdoll-Phyik integriert, die sich nahtlos integriert. Cutscenes werden zumeist in Spielgrafik geliefert oder an erzählerischen Schlüsselstellen (und leider viel zu selten) in großartig gemachten Renderfilmen, die der einen oder anderen Hollywoodproduktion in nichts nachstehen.

Das Action-RPG-Prinzip funktioniert wie eh und je. Man ist ständig auf der Hatz nach dem nächsten tollen Ausrüstungsgegenstand, den verbliebenen unbekannten Regionen der Karte und noch lebenden Exemplaren der abwechslungsreich gestalteten Dämonenhorde. Der Zeitkiller schlechthin, denn „nur noch bis zum Levelaufstieg“ verschlingt schon mal eine Stunde oder mehr. Geht es um die prinzipiellen Qualitäten seiner Vorgänger, so hat Blizzard alles richtig gemacht und hervorragend in die Jetztzeit der Videospiele geholt.

Biedere Simplizität

Wenn da nicht einige Mankos wären, die bei genauerem Hinsehen durchaus auffällig und teils auch sehr ärgerlich sind. Auf das Spiel selbst bezogen ist das etwa der stark simplifizierte Skilltree. Auf seine Charakterattribute kann der Spieler nur noch über Items indirekt Einfluss nehmen. Ansonsten beschäftigt er sich mit der Auswahl aus mehreren Kategorien aktiver und passiver Fertigkeiten, deren Progression im Vorhinen festgeschrieben ist und deren Einsatz sich variieren lässt. Charakter-Tuning war gestern, dass man sich dafür auch nicht mehr „verskillen“ kann, wird für einige Hardcorefans kein besonders guter Tausch sein.

Auch die Geschichte wird meinem Gefühl nach im Vergleich zu Teil Eins und Zwei oberflächlicher und verkürzter erzählt. Komplex wie Herr der Ringe war die mittelalterliche Welt von Diablo zwar noch nie, die Serienvorgänger geben interessierten Spielern aber deutlich mehr Lesematerial und Einsicht in das Szenario und seine Charaktere. Was durchaus schade ist.

Die dunklen Seiten des Onlinezwangs

Die eklatanteste Änderung des Spiels, der totale Onlinezwang, hat seine positiven und negativen Seiten. Für Online-Partien müssen keine separaten Charaktere erschaffen werden, außer man wagt es, die Server-Region zu wechseln, denn in geografischer Hinsicht sind sowohl Einzel- als auch Mehrspielerpartien getrennt. Zudem kann ein Solospiel in Windeseile in gemeinsames Gemetzel mit Freunden verwandelt werden. Dem Mehrspielermodus, der folglich aus reinen Online-Sessions besteht, ist übrigens trotz fehlender Voicechat-Funktion gut umgesetzt. Auch wenn man nicht unbedingt froh sein muss, dass sich alle eigenen Charaktere zwangsweise einen Gold-Stash teilen.

Allerdings ist man auch auf Blizzards Server angewiesen, wenn man sich alleine durch die Armee der höllischen Obermotze arbeitet. Ist die Verbindung weg oder die Server sind im Wartungsmodus, kann nicht gespielt werden, Schwierigkeiten die viele Spieler aus den Tagen nach dem Launch kennen. Ist die Verbindung beeinträchtigt oder die Rechner bei Blizzard haben Schluckauf, bekommt man das auch als Einzelspieler zu spüren. Letzteres Problem lässt sich beispielhaft verdeutlichen.

Ich bin bei meinem Kreuzzug gegen Diablo insgesamt sechs mal gestorben, davon einmal durch mein eigenes Versagen. Die anderen fünf Tode entstanden durch eine Diskrepanz zwischen dem, was auf meinem Bildschirm zu sehen war und dem, was die Server gerade errechneten – auch „Lag“ genannt. Einer riesigen Monsterhorde zu entkommen und im nächsten Moment plötzlich wieder chancenlos mittendrin zu stehen, ist frustrierend und nervig.

Viel klicken, wenig denken

Immerhin dürften sich die Verantwortlichen dieses Mankos bewusst gewesen sein, was sich an zwei Sachen festmachen lässt. Erstens: Das Spiel ist zu leicht. Zieht man die Todesfälle durch Serververzögerungen ab, bin ich im Laufe des Spiels einmal draufgegangen – und das nicht einmal beim Endgegner, Diablo himself. Bestenfalls variiert man hin und wieder seine Fertigkeiten, wenn sich bei Levelaufstiegen neue Stufen freischalten und kümmert sich darum, stets die besten, verfügbaren Items am Leib zu tragen.

Das Spiel erfordert sonst keinerlei taktisches Vorgehen, selbst die beiden Fernkämpferklassen, Zauberer und Dämonenjäger haben in der Hinsicht nur unwesentlich mehr zu tun und sind einen Tick anspruchsvoller zu spielen. Beim Barbaren und dem Mönch reicht das Rezept „Klick-und-tot“ in Verbindung mit gelegentlicher Flucht und Heiltränken. Irgendwo im kleinen Zwischenbereich liegt die Hybridklasse des Hexendoktors.

Death is just a feeling

Und zweitens: selbst, wenn man das Zeitliche segnet, ist das nicht tragisch. Musste man bei den alten Diablo-Teilen neue Ausrüstung zusammenkratzen und wieder an den Ort des Ablebens vordringen, um sich sein altes Zeug unter den Nagel zu reissen, startet man hier beim letzten Checkpoint mit allen Items. Dieser wird nur zehn Prozent ihrer Haltbarkeit abgezogen. Was völlig egal ist, da die Abnutzung extrem langsam voranschreitet und erst gegen Ende des Spieles die Rückkehr in die Stadt oder das Lager zur Reparatur erforderlich macht.

Erschwerend kommt dazu, dass der Spieler ab dem zweiten Akt in Geld nur so schwimmt. Man stößt oft genug auf magische oder rare Gegenstände, dass ein Einkauf bei den Händlern oder die Inanspruchnahme von auflevelbaren Crafting-Dienstleistungen nicht nötig ist. Die in den Shops verfügbaren Gegenstände sind nur selten besser als die Items, die man am Schlachtfeld sammelt.

Wer zumindest in den Gegnern eine Herausforderung haben möchte, muss schon im Nightmaremodus spielen, der erst nach einmaligem Durchspielen freigeschalten wird. Es besteht auch die Möglichkeit, als Hardcoreheld ins Feld zu ziehen, sobald man erstmals mit einem Avatar Level 10 erreicht hat. Im krassen Gegensatz zu Otto-Normalkämpfer ist man bei dieser Spielart beim ersten Ableben bereits endgültig Geschichte (bei laginduzierten Todesfällen sicherlich ein ganz besonders freudiges Erlebnis). Die Lücke zwischen beiden Extremen wird nicht gefüllt, Diablo 3 kann entweder zu einfach oder schwer bis unmöglich sein.

Fazit

Blizzard hat, wenn man sich bemüht erbarmungslos kritisch zu sein, bei Weitem kein perfektes Spiel hingezaubert. Die Hausaufgaben sind aber erledigt, durchaus auch mit Kür nach der Pflicht. Trotz der genannten Unpässlichkeiten waren die 14 Stunden kein bisschen langweilig. Und das wiegt, wie immer, mehr als alle anderen Argumente, die man auf den Tisch bringen kann. Ich bin allerdings kein Hardcorefan, der gerne langwierig an den Skills und der Ausrüstung des eigenen Helden herumbastelt und viel Zeit in das Lesen von Hintergrundgeschichten investiert. Folglich macht mich Diablo 3 vermutlich glücklicher als die meisten treuen Anhänger der Reihe.

Zu haben ist das Spiel als digitaler Download über das Battle.net für 60 Euro als auch im Laden oder via Amazon, wo die Uncut-Edition gerade 50 Euro kostet.

  • Teile deine Kritik durchaus – mich stören am meisten die ewigen Serverprobleme. Ich brauch auch zwei Wochen nach dem Launch immer zwischen 100 und 150 Loginversuche, bis ich endlich mal reinkomme.

    Zwei Punkte noch zum Schwierigkeitsgrad: Du hast bisher nur einen Bruchteil des Games kennengelernt. Auf Level 60 im Schwierigkeitsgrad Inferno … da wirst du über den Satz “Death is just a feeling” nur mehr müde lächeln. Bei Fernkampfklassen reicht da in der Regel ein Schlag eines Non-Elite für den sofortigen Exodus. Auch erfordern die zufälligen Skills der Elite-Mobs ein ständiges Umskillen der Runen.

    Geld kein Problem? Dann hast du wohl noch nicht im Auktionshaus auf die Endgame-Teile geschaut. >1Mio Gold sind da keine seltener Preis für Legendary Items ;-)

  • Das Problem ist, dass ich höhere Schwierigkeitsgrade erst bekomme, wenn ich das Spiel im viel zu leichten Standardmodus durch habe. Jetzt hab ich nix dagegen, einen extra schweren Schwierigkeitsgrad freispielbar zu machen, aber ich ärgere mich sehr darüber, dass ich nicht zu Beginn zwischen Leicht, Mittel und Schwer wählen konnte.

    Ich gehöre zu den Spielern, die gerne neues sehen und ungern das selbe Spiel 2x spielen. Dementsprechend habe ich zB Morrowind, Skyrim und Fallout 1-3 nur je einmal absolviert, obwohl jedes dieser Spiele eine Vielzahl möglicher Varianten und unterschiedlicher Enden bietet. Dementsprechend ist ein komplett neuer Diablo-Durchlauf mit einer anderen Klasse zwar nicht ausgeschlossen, aber doch sehr unwahrscheinlich.

    Das mit dem Gold ist auf den Singleplayer-Modus bezogen. Das Auktionshaus habe ich mangels eigenem Interesse weder behandelt noch besucht ^^

  • Pingback: Crytek-Vorstand sagt, Singleplyer-Spiele müssen verschwinden | Rebell.at()