Das remarkable Paper Pure ist ein digitaler Notizblock. Es wird als Lifestyle-Entscheidung verkauft. Wie schlägt es sich im Alltag? Lohnt es sich ohne remarkable Connect Cloud-Service? Und was passiert mit den Daten? Tom erzählt das wichtigste im Review.
Ich habe mir direkt am ersten Tag heißen Kaffee über dieses 400-Euro-Tablet geschüttet. Spoiler: Es lebt noch! Aber die Frage, die wir heute klären müssen, ist eine ganz andere: Braucht die Welt im Jahr 2026 wirklich ein monochromes eInk-Tablet ohne Displaybeleuchtung, ohne App-Store und aus Plastik?
Das hier ist das reMarkable Paper Pure. Es löst das legendäre reMarkable 2 ab, streicht einige Premium-Materialien, senkt dafür aber den Einstiegspreis. Ist das mutiger Minimalismus oder am falschen Ende gespart? Und was sagt der Hersteller selbst zu Datenschutz, Reparierbarkeit und fehlenden Features? Ich habe direkt bei reMarkable nachgefragt – schauen wir uns das im Detail an.
Kunststoff-Gehäuse statt Aluminium
Fangen wir beim Gehäuse an. Wer vom reMarkable 2 kommt, wird sofort merken: Das edle Aluminiumgehäuse ist weg. Das Paper Pure besteht überwiegend aus Kunststoff mit leicht gerillten Kanten.
Im Vergleich zum reMarkable 2: 50 % schneller, 20 % höherer Kontrast, 30 % längere Akkulaufzeit – bis zu 3 Wochen pro Ladung bei einer Stunde am Tag
Mit 360 Gramm und 6 Millimetern Dicke liegt es extrem gut in der Hand. Die Plastik-Rückseite macht es weniger zu einem Status-Objekt, aber viel alltagstauglicher. Und ein spannendes Detail auf der Rückseite: Echte Schrauben! Kann man den Akku nun einfach im Handy-Shop um die Ecke oder selbst tauschen?
Reparierbarkeit vom reMarkable Paper Pure eher theoretisch
Ich habe beim Hersteller nachgefragt. Die offizielle Antwort: Die Schrauben und das Design dienen aktuell primär dazu, dass reMarkable Rückläufer selbst wiederaufbereiten kann. Ersatzteile für Endkunden oder freie Werkstätten gibt es derzeit noch nicht, auch wenn man diesen Bereich für die Zukunft evaluiert. Immerhin: Nachhaltiger als komplett verklebte Tablets ist das allemal.
Das spiegelt sich auch in der Bilanz wider: 100 Prozent recyceltes Kobalt und Lithium im Akku, 38 Prozent recycelte Materialien insgesamt und ein CO₂-Fußabdruck von 28,7 Kilo. reMarkable legt hier einen echten Transparenzbericht vor.
Kein Frontlicht, super Schreibgefühl
Ein wichtiger Warnhinweis vorweg: Das Paper Pure hat kein Frontlicht! Wenn es im Raum dunkel ist, siehst du absolut gar nichts. Wer abends im Bett ohne Nachttischlampe lesen will, ist hier falsch.
Wie fühlt sich das Schreiben an? Die raue Glasoberfläche erzeugt zusammen mit der Stiftspitze eine fantastische Reibung. Das Geräusch und das Gefühl sind verdammt nah an echtem Papier.
Die Latenz liegt bei winzigen 12 Millisekunden. Du spürst praktisch keine Verzögerung zwischen Spitze und digitaler Tinte.
Zeichnen hui, radieren basic
Beim Skizzieren unterstützt der Marker 4.096 Druckstufen und bis zu 60 Grad Neigung. Das Bleistift-Werkzeug simuliert Graphit wirklich hervorragend. Auch schnelle Zeichnungen und Doodles machen damit Spaß.
Aber es gibt Abzüge in der B-Note: Der Radierer am teureren Marker Plus ist leider unpräzise. Es gibt keine Drucksensitivität beim Radieren – berührst du eine Linie leicht, verschwindet oft der ganze Strich oder angrenzende Schattierungen verlieren plötzlich an Deckkraft. Wer detailliert zeichnen will, stößt hier schnell an Grenzen.
Was mich im Alltag auch gelegentlich nervt: Wenn du mit dem Handballen auf dem Display aufliegst, wird manchmal ungewollt die Scroll-Funktion ausgelöst. Auch das Zoom-Feedback mit zwei Fingern reagiert träge. Der Stift hingegen reagiert zu 99 Prozent verlässlich.
Guter Komfort, wenig Flexibilität
Ein sehr positives Software-Detail: Jedes Notizbuch merkt sich die Stifteinstellungen, die du darin zuletzt verwendet hast. Aber bei den Vorlagen lässt reMarkable Potenzial liegen.
Du kannst keine eigenen Seiten-Templates anlegen oder seitenweise einfügen. Wenn ich für Fußball-Analysen ein Spielfeld als Vorlage auf einer einzelnen Seite brauche, geht das nativ nicht. Auch alte Papiernotizen per Foto einscannen und als bearbeitbares Notizbuch umwandeln? Gibt es nicht. Ich habe reMarkable gefragt, ob solche Features geplant sind – die standardmäßige Antwort: Zu zukünftigen Software-Updates äußert man sich prinzipiell nicht.
reMarkable Connect: Nicht Pflicht, aber wichtig
Kommen wir zum heiklen Thema: Cloud, Datenschutz und das Connect-Abo für 4 Euro im Monat.
Viele haben mich gefragt: Werden meine handgeschriebenen Gedanken für KI-Training genutzt, wenn alles in der (europäisch gehosteten, verschlüsselten, aber US-amerikansich von Google betriebenen) Cloud landet?
Hierzu habe ich reMarkable gefragt. Nutzerdaten werden ausschließlich zur Bereitstellung der Dienste verwendet und niemals für das Training von KI-Modellen herangezogen. Selbst für Support-Eingriffe auf Metadaten verlangt das Unternehmen „eine explizite Zustimmung“. Heißt aber auch – es kann durchaus darauf zugreifen. Wenn Regierungen Druck machen, kann das unangenehm und aus Usersicht unzuverlässig sein.
Die Cloud ist sonst auch gut, um Notizen auch am Handy oder PC einfach aufrufen und Dokumente verwalten zu können. Das geht auch ohne Abo, aber mit zeitlicher Einschränkung. Fun ist die Bildschirmübertragung, wo man praktisch in Echtzeit am Tablet malen und schreiben und es auf einem PC beobachten kann. Zum Beispiel für Präsentationen.
Man kann auch Clouds am Paper Pure verknüpfen. Aber das Angebot ist schwach. reMarkable unterstützt nur die großen US-Riesen Google, Microsoft und Dropbox. Europäischen Alternativen wie Proton Drive oder einer selbstgehosteten Nextcloud? Fehlanzeige.
Mehrkosten durch Abo und Stiftspitzen
Das Connect-Abo kostet 4 Euro im Monat und ohne ist das Gerät massiv eingeschränkt. Insbesondere die OCR-Texterkennung der Handschrift fehlt dann, die eure Notizen in ein Textdockument umwendelt und vor allem durchsuchbar macht. Das ist ein ziemliches Killer-Feature. Das Abo ist also mehr oder weniger freiwillige Pflicht. Immerhin auch fast 50 Euro im Jahr an Kosten.
Dazu kommt: Der Stift (die von alten Geräten sind nicht kompatibel) braucht regelmäßig neue Spitzen. Sieben sind mit dem Gerät mitgeliefert. Jede soll ungefähr 3 Monate halten. Im Test hat meine erste nach eben dieser Zeit noch keine Probleme gemacht. Also die Ersatz-„Minen“ bringen euch erstmal so zirka durch die ersten beiden Jahre. Sechs neue gibt es um 19 Euro. Zu hoffen ist, dass die Produktion nicht eingestellt wird und ein problemlos funktionierendes Notiz-Tablet ruiniert würde.
Was, wenn reMarkable Pleite geht?
Und was passiert, wenn die Firma reMarkable irgendwann den Betrieb einstellen sollte? Sitzt man dann auf einem nutzlosen 400-Euro-Backstein? Jein. reMarkable bietet einen offiziellen Entwicklermodus und ein SDK. Die Community hat bereits quelloffene Alternativ-Software gebaut (für frühere Geräte). Selbst im Worst-Case-Szenario lässt sich das Tablet also dank Open-Source-Community wohl irgendwie weiter betreiben. Der gleiche Komfort wird aber eher nicht übrig bleiben.
PDFs und EPUBs lassen sich zwar öffnen, aber es gibt keine Kobo- oder Pocketbook-, keinen E-Book-Store und die Read-on-reMarkable-Browser-Erweiterung (man kann Webseiten aufs Tablet schicken) existiert nur für Chrome, offiziell nicht einmal für Firefox. Warum ist das E-Reading-Erlebnis so stiefmütterlich?
Ich habe reMarkable genau das gefragt – und die Antwort ist die Philosophie der Firma. reMarkable versteht das Gerät explizit nicht als E-Reader, sondern als Papier-Tablet für fokussierte Arbeitsabläufe von Wissensarbeitern, ganz ohne Ablenkung oder App-Konsum. Sie wollen gar kein E-Reader sein! Das Paper Pure versteht sich rein als Arbeitsgerät für Knowledge Worker. Wer Romane im Zug verschlingen will, kauft sich einen Kindle oder Kobo. Das reMarkable will deine Gedanken ordnen, nicht dich unterhalten.
Einerseits kann man die Philosophie verstehen, andererseits kann man mit Clouds connecten, kann EPUBs und PDFs öffnen, kann Webseitentexte am Tablet lesen. Es wird ein bisserl halbarschig, dann bei einem der offensichtlichsten Nutzen des Geräts zu sagen: Uns egal, ob du das willst.
remarkable Paper Pure: Der Preis
Das reMarkable Paper Pure kostet in der Basisausrüstung 399 Euro. Da fehlt dann das Sleeve (gibts in drei Farben) und der Stift kommt ohne Radierer auf der Rückseite aus. Mit diesen beiden Dingen kostet das Starterpaket 469 Euro.
Für einen Notizblock ist das viel Geld.
Fazit: Für wen lohnt sich das reMarkable Paper Pure?
Wenn du bereits ein reMarkable 2 oder ein anderes modernes eInk-Tablet besitzt: Spar dir das Geld. Es ist kein Upgrade. Auch wenn du Farbe, Displaybeleuchtung oder vielseitige Android-Apps suchst, wirst du enttäuscht sein.
Aber: Wenn du bisher auf Papier geschrieben hast, deinen Zettelberg digitalisieren willst und dir das auch etwas kosten lassen willst – dann ist das Paper Pure der fokussierteste und leistbarste Einstieg in diese Welt.
Es ist kein schickes Aluminium-Statussymbol mehr, sondern ein pragmatisches Werkzeug für Menschen, die einfach in Ruhe denken und Schreiben wollen.
Zu den Specs mehr hier.